
Ein Showmaster, 5 Kandidaten, ein Gegner, 15 Spiele.
Mit steigendem Spieljackpot und andauernder Platzierung in der Top-Sendezeit am Samstagabend gelangt die Unterhaltungssendung „Schlag den Raab” auf ProSieben zunehmend an die breite Fernsehmasse und kratzt kräftig an den Quoten des Platzhirsches DSDS.
© Brainpool/ProSieben
Augenscheinlich simpel und nach gekanntem Muster geschaffen, birgt die Sendung ein ungeahnt vielschichtiges und ausgeklügeltes Konzept, das mir die Verwendung des Wortes „Psychologie” im Folgenden geradezu aufzwingt.
Der Vollständigkeit und des Verständnisses der Ausführungen halber seien die „Spielregeln” an dieser Stelle schnell erwähnt:
Das Spielprinzip (sprich der Charakter) ist in etwa vergleichbar mit dem in den 60ern und 70ern beliebten „Spiel ohne Grenzen” vom Westdeutschen Rundfunk oder mit den Ideen diverser japanischer Gameshows.
Im Vorfeld der Show werden aus einer gewissen Anzahl an Bewerbern (es mögen einige tausend sein) fünf Show-Kandidaten anhand von redaktionsinternen Kriterien gewählt.
Aus diesen fünf Kandidaten wird der Kontrahent des Gastgebers mittels eines Telefonvotings live zu Beginn der Sendung ermittelt.
Während die im Voting unterlegenen Kandidaten sprichwörtlich vorzeitig duschen gehen dürfen (und beim Abgang selbstredend ein charmantes „macht ja nichts/dabei sein ist alles”-Lächeln aus dem Hut zaubern), geht es für den Gegner erst richtig los (ich werde im Folgenden wieder vom Kandidaten sprechen, weil ich persönlich etwas gegen die Verwendung des „Gegners” einzuwenden habe und ihn daher ebenfalls verfrüht nach Hause schicke; auf gut ISHO: es klingt einfach nicht). Die zwei Kontrahenten müssen sich ab jetzt verschiedenen Aufgaben stellen, die dem Sieger eine mit zunehmender Spielanzahl steigende Punktzahl bescheren (im 15. Spiel gibt es mit fünfzehn Punkten die Höchstpunktzahl).
Die Disziplinen der Spiele reichen vom trivialen Memory über das Melken einer (lebenden, „echten”) Kuh im Studio zum Skispringen oder der Bewältigung eines Rallye-Parcours.
Da in insgesamt 15 Spielen maximal 150 Punkte vergeben werden, gibt es eine theoretische Grenze, an der ein Gewinner feststehen muss (für all jene, die sich mit Englisch-Sozialwissenschaften -Leistungskurs den Mathematik-Kursus erspart haben, sei gesagt, dass dieser Fall eintritt, wenn einer der beiden Spieler mehr als die Hälfte der maximal erreichbaren Punkte erreicht).Wenn der Kandidat gewinnt, erhält er den Jackpot, der im Normalfall 500.000 Euro beträgt und um weitere 500.000 steigt,wenn Stefan Raab gewinnt (als Gastgeber gibt er sich mit a) der reinen Ehre des Siegers b) den Lobpreisungen seiner Leistungen in den Medien und der daraus resultierenden Steigerung seiner Popularität und c) mit nicht näher bekannten Honorierungen von ProSieben zufrieden).Da bisher ersterer Fall erst dreimal aufgetreten ist, stellt sich die Öffentlichkeit zunehmend die Frage, wer eigentlich gegen Stefan Raab gewinnen soll (zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Zeilen befinden sich 2.5 Millionen Euro im Jackpot).
Vielleicht geht man auch der Frage nach, warum Herr Raab stets als Sieger aus den langen, teilweise nervenaufreibenden Abenden hervorgeht.
Ein erster Ansatz kann die Untersuchung der Sendungsstruktur und der Vergleich mehrerer Abende und Siege Stefan Raabs darstellen.
Man stellt beispielsweise fest, dass die Aufgaben stets kreativ und (eher) unkonventionell entwickelt wurden.
Man findet so neben dem üblichen Mau-Mau-Kartenspiel ein Fahrradrennen, dessen Gewinner derjenige ist, der die Ziellinie als Letztes überfährt.
Klassische Sportarten und Spiele wie Leichtathletik, Fußball und auch andere Aufgabentypen, die sich ausschließlich oder vorrangig über herkömmliche physische Eigenschaften entscheiden und den oftmals sportlichen Kandidaten zugute kommen würden, werden weniger häufig verwendet oder aber frühzeitig gespielt und somit äußerst schmal bepunktet. Auch über kritische Spieldetails darf man sich Gedanken machen (Beispiel Medienblogger).
Spiele mit geistigem Fokus und inhaltlich starker Präsenz kultureller Aspekte wie beispielsweise Detailwissen über Prominenz oder das TV-Geschehen spielen dem TV-affinen und Prominenz-geprüften Gastgeber von „TV-Total” Raab merklich in die Karten.
Nicht selten wird unterschlagen, dass gerade in diesen häufig auftretenden Spielen der erarbeitete Punktevorsprung verloren geht.
Es sollte nicht vergessen werden, dass der Kandidat in den meisten Fällen zum ersten Mal TV-Luft schnuppert, während Stefan Raab sich vor der Kamera nicht anders verhält, als dahinter.
An dieser Stelle darf die Psychologie-Kiste nun endgültig geöffnet und weiter erforscht werden.
Nicht wenigen Kandidaten ist ihre Anspannung auf dem Voting-Treppchen und auch später gegenüber Herrn Raab (so verständlich das auch sei) deutlich anzumerken.
Trotz ihrer Bemühungen, die nicht vorhandene Erfahrung irgendwie zu kompensieren, verraten Axel Schweiß und seine Freunde jede noch so coole Miene.
Andererseits müssen die unerfahrenen Kandidaten teilweise sogar gar keinen Vergleich mit dem erprobten Showmaster scheuen, was die Güte der Präsentation betrifft (ich ziehe meinen Hut vor den sportlichen, souveränen Auftritten).
Später auf der Aftershow-Party mag sich manch einer fragen, wie er überhaupt gegen „Normalo” Stefan Raab verlieren konnte.
Gegen diesen Giftzwerg, der nach jedem verlorenen Spiel wie ein (wenn auch erwachsenes) Kind mit hilflosen Erläuterungen seine Fehler oder das zu anfangs akribisch erfragten Spielprinzip Revue passieren lässt.
Der nach Niederlagen zornig schreit und sein Spielgerät gerne einem Härtetest mit der Tischtennisplatte unterzieht.
Der sich insgesamt jähzornig und verbissen wie ein (Tisch-)Tennisspieler verhält; eben in typischer Stefan Raab Manier.
Doch gerade diese Verbissenheit, jener Jähzorn sind es, die aus einem von den „technischen Spezifikationen” weit unterlegenen Durchschnittsmenschen einen dauersiegenden Publikumsliebling machen.
Sein ewiger Einsatz und Siegeswille Sendung für Sendung sind der Grund für Stefans Raabs vermeintliche Dominanz.
Hier zählt nicht die Ästhetik, sondern der Einsatz.
Eben das steht im Gegensatz zu den sportlichen, multitalentierten Kandidaten.
Menschen, die bereits mit Mitte 20 ein eigenes Haus, Familie, einen bestbezahlten und hochanspruchsvollen und/oder hochangesehenen Job, Auszeichnungen und Rekorde in sämtlichen zehn betriebenen „Lieblingssportarten” besitzen.
Menschen, die auch während des Erlangens ihrer vorzeitigen Rente/Altersvorsorge souverän wirken möchten, „wie sonst auch” eben… .
„Schlag den Raab” ist nicht wie sonst auch.
Das eigentliche Dilemma beginnt zudem nicht auf dem Quiz-Hockern gegenüber von Herrn Raab, sondern auf dem Voting-Treppchen und früher.
Schließlich gelangen vornehmlich besagte „Übermenschen”, die wenn sie ihre Leben erneut leben dürften lediglich früher zu „Fielmann” wechseln würden, überhaupt erst in die Sendung und vor die Linse des Zuschauers.
Nun fragen Sie sich, ob Sie den sympathischen, muskulösen, sportlichen und offenen Kandidaten oder den verschlossenen, schlaksigen Studenten wählen würden, der vielleicht aufgrund seines vorhandenen Willens und Kampfgeistes gegen Stefan gewonnen hätte.
Hier wird quasi eine psychologische Zwickmühle geschaffen, in dem der sicher gewählte, sportliche und in der rein „faktischen” Gegenüberstellung mit Stefan Raab weit überlegene Kandidat sich verpflichtet fühlt, einen „klaren”, optisch perfekten („schönen”) Sieg davonzutragen.
Eben weil während der Show kein Plan mehr funktioniert und weil der Mensch ein Mensch ist (drum braucht er was zu essen, bitte sehr), hat derjenige bessere Chancen, beim „Klackern” oder „Schnibbeln” im finalen Spiel die Nerven zu behalten, wenn Kommentator Frank „Buschi” Buschmann gut hörbar die Wichtigkeit und Dramatik der Situation erläutert, ohne zu versäumen, die Trivialität der ausgeführten Tätigkeit und Tragik im Falle einer Niederlage zu erwähnen, der mit Spaß „an der Sache” und purem Enthusiasmus verbissen wie hochkonzentriert „kämpft”, wie es der Kontrahent Raab seit Anbeginn der Show auf erfolgreichste Art und Weise vorlebt, als der immer sportliche und „fair” agierende Kandidat.
Es gilt, innerhalb der gesetzten Spielregeln das Maximum zu geben, trickreich zu spielen und keinesfalls zu versuchen, aus dem trivialen Bierdeckelschnippeln eine Sportart zu machen und deren Technik zu perfektionieren.
Es geht allein um das Resultat. Hinterher fragt sowieso niemand mehr nach dem „Glanz” des Sieges.
Der selten gegangene und “percouch” bequem geforderte optimale Weg wäre die 180°-Drehung des Kandidaten ab dem ersten Spiel durch volle Konzentration ohne jegliche Gedanken an das eigene Erscheinungsbild vor der Kamera und mehreren Millionen Fernsehzuschauern.
Moderator Frank Buschmann würde sagen:
„Es geht um jeden Quadratzentimeter. Man muss sich mal bewusst machen, das ist eine Menge Geld!”.
Ein Durchmarsch eines Kandidaten durch übermäßige Dominanz über Kraft, Kondition und Hirn kommt eigentlich nur für Lukas Podolski infrage, wobei ich mir bezüglich letzterem nicht ganz sicher bin… .
Dieses ausgeklügelte Show-Konzept ähnelt einem unterhaltungstechnischen Perpetuum Mobile, da der Zuschauer und ProSieben in jedem Fall profitieren.
Gewinnt der Kandidat, hat der Zuschauer aller Wahrscheinlichkeit nach einen spannenden, nervenaufreibenden und unterhaltsamen Abend (mit nicht allzu selten gehöriger Überlänge) genossen, hier und da wohlterminiert gespickt mit werbebedingten Pinkelpausen, deren Frequenz selbst der/m noch so blasenschwachen Fernseher/in genügen dürfte.
Gewinnt Stefan, wurde „Raab” wieder einmal nicht geschlagen und der Jackpot um eine halbe Millionen Euro erhöht.
Zusätzlich wird gesteigerte Zuschauerbindung erreicht, indem unter den Anrufern über die Sendung jedes Mal Autos verlost werden, deren Anzahl mit jeder Kandidatenniederlage um ein Auto zunimmt(obgleich die Funktion mathematisch nicht korrekt arbeitet, da entgegen des in der Show angewandten Jackpot-Prinzips auch im Falle eines Sieges von Stefan Raab Autos vergeben werden; somit enttarnt sich der One-takes-All-Promo-Gag nach amerikanischer Art selbst).
Letztlich bietet das Ergebnis eines perfekt ausgeklügelten Show-Konzepts gute Samstag-Abend(/Nacht)-Unterhaltung, die mich weiterhin einschalten lassen wird, solange weiterhin neue, interessante Spiele erdacht werden und Moderator Matthias Opdenhövel sich mit gewohnter rhetorischer Intelligenz präsentiert.
(Siehe auch http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,545657,00.html)
(Weitere Infos: http://www.schlag-den-raab.de/)
(Weitere Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlag_den_Raab)
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